Christin (48)

Christin hat keine Chancen, ihren genetisch bedingten Hörverlust aufzuhalten. Trotzdem lässt sie sich nicht durch die Schwerhörigkeit definieren.

Christin wollte schon immer alternativ und ökologisch leben. Sie erfüllte sich diesen Traum im Schloss Glarisegg am Bodensee. Hier lebt sie mit ihrem neunjährigen Sohn in einer kleinen Wohnung innerhalb einer Gross-WG mit Gemeinschaftsraum, Themenabenden und einem Permakultur-Garten. Darin zu arbeiten, ist für Christin ein toller Ausgleich zum Berufsalltag. Diesen bewältigt sie bei einem Restgehör von 10 Prozent mit Hörgeräten und vielen technischen Hilfsmitteln.

Christins Hörverlust liegt in den Genen

Christin bekam ihre ersten Hörgeräte mit 20. Dass ihr Hörverlust genetisch bedingt ist, kam heraus, als bei ihrer ebenfalls schwerhörigen Mutter ein Cochlea-Implantat anstand. Die eingereichten Blutproben lieferten den Hinweis auf eine sehr seltene Genmutation.

Weltweit sind nur sieben Familien mit diesem Gendefekt bekannt. Wer ihn vererbt bekommt, dessen Gehör beginnt sich um die zwanzig zu verschlechtern, bis zur vollständigen Ertaubung ab dem sechzigsten Lebensjahr.

«Es war gut, zu wissen, woran wir sind», erinnert sich Christin, die schnell zu einer pragmatischen Haltung fand: «Es macht einfach keinen Sinn, da ins Leid zu gehen. Weil ich es nicht ändern kann. Es ist gegeben. Und ich glaube, das prägt mich sehr als Schwerhörige.»

Die Wende in Köln

Christin studiert Landschaftsarchitektur in Osnabrück und tritt in Köln ihre erste Stelle an, im Institut für Regionalentwicklung und nachwachsende Rohstoffe. Dort erlebte sie bei einer politischen Diskussion, die sie moderierte, ein Fiasko.

«Es war eine sehr emotionale Diskussion vor Live-Publikum», sagt sie. «Und das ist total in die Hose gegangen. Weil einfach diese Verzögerung da war. Jemand sagt etwas, ich muss im Kopf erstmal den Lückentext füllen, und bis ich beim inhaltlichen Verstehen bin, sind die anderen schon viel weiter. Das hat wirklich weh getan.»

Christin muss sich umorientieren, schafft es in die Geschäftsleitung und entwickelt sich zur Managementgeneralistin.

Einstieg als Telefonverkäuferin

Dann zieht Christin, inzwischen verheiratet und gerade schwanger, mit ihrem Mann nach Zürich. Zunächst findet sie keinen Job. Dann, mit 20 Prozent Restgehör, fängt sie als Quereinsteigerin im Telefonverkauf (!) eines auf Datenlösungen spezialisierten Unternehmens.

Christin nimmt die Grenzen, die ihr ihre Schwerhörigkeit zieht, als Herausforderung an. Und es funktioniert: Schliesslich ergattert sie in der Firma einen tollen Beratungsjob.

Erfolg als Compliance- und ESG-Beraterin

Christine unterstützt weltweit Firmen dabei, gesetzeskonform zu handeln. «Ich schaue mir ihre Geschäftspartner und Lieferketten an: Stehen sie auf der Sanktionsliste? Sind sie wegen Geldwäsche verurteilt worden? Gibt es Umweltverstösse oder Menschenrechtsverletzungen? Solche Dinge. Im Prinzip helfe ich, Daten zu strukturieren und Risiken zu erkennen.»

Doch der Job ist anstrengend. Zwei bis drei Telefonkonferenzen am Tag kann Christin locker schaffen, aber manchmal werden es fünf oder sechs. Und macht sich ihr Tinnitus bemerkbar.

Dankbar

Privat läuft es weniger rund. Christins Ehe geht in die Brüche. Sie muss gegen ihre Neigung, sich sozial zurückzuziehen, ankämpfen. Über einen After-Work-Treff stösst sie zu Pro Audito Zürich und fühlt sich hier sofort aufgehoben: «Es ist etwas ganz anderes, mit jemandem zusammen zu lachen, der das gleiche Problem hat wie du. Das ist richtig heilsam.»

Christin kann den genetisch programmierten Hörverlust nicht aufhalten und wird in vermutlich sieben bis zehn Jahren das erste Cochlea-Implantat bekommen. Sie hat ein wenig Bammel davor, aber ist im Grunde dankbar. Dankbar, dass sie in einem Land leben darf, in dem es CI und technische Hilfsmittel gibt. Dankbar auch für die finanzielle Unterstützung der IV, die schon zwei Härtefallanträge akzeptiert hat.

Christine schneidet im Winter einen Obstbaum zurück.
Wie lebt es sich mit einem Gendefekt? Christin: «Das kommt wohl darauf an, wo man lebt und wie man damit umgeht.» – Fotos: Patrick Lüthy für Pro Audito

Steckbrief

Christin
hat ein Restgehör von 10 Prozent.

Familiär
ist sie von einer seltenen Genmutation betroffen.

Zuhause
ist Christin im Schloss Glarisegg am Bodensee.

Beruflich
unterstützt sie Firmen dabei, sich gesetzeskonform zu verhalten.

Zum Ausgleich
arbeitet sie am Wochenende gerne im Permakultur-Garten.

Betroffene erzählen – weitere Geschichten

Menschen mit einer Schwerhörigkeit erzählen uns ihre Geschichte.

Patrick (51)

Erfolg ist möglich

Der Spracherwerb lehrte ihn Disziplin.

Laura (19)

Glaub an dich!

Gehörlos geboren, hörend aufgewachsen.

Inga (40)

Bleib du selbst!

Selbstbestimmt trotz Behinderung.

Mitgliedschaft

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