Patrick (51)
Seine Eltern ahnten, dass etwas nicht stimmt. Doch dass Patrick nahezu taub auf die Welt gekommen ist, wird aber erst erkannt, wie er schon zwei Jahre alt ist. Unverzüglich wird er mit Hörgeräten versorgt und an Susann Schmid-Giovannini verwiesen, die in Meggen eine Schule für hörgeschädigte Kinder betreibt. Schmid-Giovannini wird zu seiner unermüdlichen Förderin. Ziel der Therapie: Patrick soll die Schriftsprache lernen, die Mundart sei zu schwierig, und: «Die Aussichten auf ein selbständiges Leben sind nicht gegeben.»
Doch Patrick macht schneller Fortschritte, als alle denken.
Er wächst unter hörenden Gleichaltrigen rein lautsprachlich auf: Kindergarten, Primarschule, Sekundarschule. Dank FM-Höranlage, Hörgeräten und Lippenlesen kann er dem Unterricht gut folgen.
Dann macht Patrick eine Lehre als Hochbauzeichner und studiert im Anschluss Architektur an der Fachhochschule in Luzern-Horw. Dabei kopiert er die Mitschriften seiner Kommilitonen, um am Abend nachzuarbeiten, was er nicht verstanden oder falsch notiert hat.
1997 hat er sein Architekturdiplom im Sack und damit ein Ziel erreicht, das man dem Jungen «ohne Aussichten auf ein selbständiges Lernen» niemals zugetraut hätte. Doch es kommt noch besser: Nach einigen Jahren als Angestellter gründet Patrick sein eigenes Architekturbüro.
Basis seines Erfolgs ist eine ausserordentlichen Disziplin. Die Mühen des Spracherwerbs haben ihn gelehrt, konsequent auf ein Ziel hin zu arbeiten. «Das ist eine Haltung, die ich fürs Leben mitgenommen habe», sagt Patrick heute.
Andererseits kam ihm auch der technische Fortschritt entgegen: Patrick bekommt 2001 ein Cochlea-Implantat eingesetzt. Sein rechtes Hörgerät hat er inzwischen abgelegt: «Das bringt mir keinen zusätzlichen Nutzen».
Auf die Frage, warum er seither keine zweite Implantation in Betracht gezogen habe, antwortet Patrick bestechend ehrlich: «Es könnte sein, dass irgendetwas anders läuft als bei der ersten Operation – Schwindel beispielsweise. Andererseits steckt wohl auch meine Haltung dahinter: Strapaziere dein Glück nicht. Sei mit dem zufrieden, was du hast. Ich bin mit einem Gerät zufrieden.»
Patrick sitzt schon mehreren Jahren im Kantonsrat der Stadt Zug und hat dafür gesorgt, dass der altehrwürdige Sitzungssaal eine induktive Höranlage bekam. Zusätzlich engagiert er sich an der Seite seiner ehemaligen Lehrerin Susann Schmid-Giovannini auch ehrenamtlich für die Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung.
Patrick lebt mit seiner Frau und den zwei Kindern im Teenager-Alter in der Stadt Zug. Zuhause ist sein Handicap kein grosses Thema. «Die Kinder», sagt er, «geben sich nicht extra Mühe, sie sagen einfach: ‹Der Papa hört halt nicht gut›, und das stimmt so für mich.»
Auch im Berufsleben spielt seine Schwerhörigkeit keine grosse Rolle, ausser bei Baulärm auf Baustellen. Da sucht er einen ruhigeren Ort oder bittet den Handwerker, die Maschine kurz auszustellen.
Weniger einfach sind Streitgespräche: «Gibt es einen Konflikt, bin ich mit meiner Hörbehinderung immer eine halbe Sekunde zu langsam. In einer Konfliktsituation reden die Leute schnell. Ich muss das Gehörte erst einmal aufnehmen und verarbeiten, bevor ich antworten kann. Da bin ich unterlegen.»
Davon abgesehen, hat er keine Probleme, sich im professionellen Umfeld zu behaupten. Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt nur eine Erfahrung, die er in Bezug auf eitle Berufskollegen macht: «Meine Schwerhörigkeit ist kein Thema, solange ich nicht zur Konkurrenz werde. Nach dem Motto ‹Solange der Behinderte auf Distanz bleibt, ist er ein guter Freund, aber wenn er mich überholt, ist das nicht okay›.»

Patrick
ist praktisch taub zur Welt gekommen.
Beruflich
hat er seinen Traum vom eigenen Architekturbüro erfüllt.
Politisch
engagiert er sich als Kantonsrat der Stadt Zug.
Privat
lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern zusammen.
Sein Tipp
«Strapaziere dein Glück nicht. Sei mit dem zufrieden, was du hast.»
Laura (19)
Gehörlos geboren, hörend aufgewachsen.
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Selbstbestimmt trotz Behinderung.
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2 CI und ein Traumjob auf dem Notfall.
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