Laura (30)

Zwei Jobs, ein Studium und wechselnde Ämter: Die CI-Trägerin und ADHS-Betroffene jongliert mit vielen Bällen gleichzeitig.

Laura erlitt im Alter von knapp drei Jahren eine Mittelohrentzündung und einen Hörsturz. Damit setzte ein rapider Hörverlust ein. Sie bekam zunächst Hörgeräte und mit vier Jahren rechts ein Cochlea-Implantat. Zum Glück hatte sie schon sprechen gelernt, so dass sie in der Spielgruppe wie im Kindergarten Anschluss fand.

Erst mit neun Jahren (viel zu spät, wie man heute weiss) wird Laura auch noch links implantiert. Ihre Schulzeit verbringt sie bis zur fünften Klasse in der öffentlichen Primarschule, dann im Landenhof und zuletzt an einem halbprivaten Gymnasium, wo sie die Matura besteht.

Ein Studium mit viel daneben

Aufgrund mangelnder Mathematikkenntnisse muss Laura nach zwei Jahren das Studium der Biomedizin aufgeben. Sie steigt auf Kunstgeschichte und Theologie um und profitiert von der neuen Fächerkombination: mehr Seminare, weniger Vorlesungen. «Anderthalb Stunden aufmerksam zuhören, ist für mich auch wegen ADHS sehr schwierig», gesteht sie.

Zudem kann sie nicht gleichzeitig von den Lippen ablesen und sich Notizen machen. Zwar sind viele Hörsäle mit induktiver Höranlagen ausgestattet, aber nicht alle funktionieren, und nicht alle Dozentinnen und Dozenten sind willens, ein Mikrofon zu tragen. «Ich habe deswegen meistens in der ersten Reihe gesessen. Und eine Kollegin hat teilweise für mich mitgeschrieben.»

Sich Hilfe zu organisieren (Schriftdolmetschen, Nachteilsausgleich), ist für Laura eine zu hohe Hürde. Sie findet den Prozess mit der IV schwierig. «Und den Nachteilsausgleich», sagt sie, «muss man jedes Semester neu beantragen, jeweils zwei Monate vor Semesterbeginn, wenn noch nicht einmal feststeht, welche Module man bekommt. Total mühsam.»

Engagement für eine barrierefreie Uni

So beginnt Laura, sich an der Uni für mehr Barrierefreiheit zu engagieren. Sie arbeitet während zweieinhalb Jahren als Co-Präsidentin beim Studierendenverband (in einem Pensum von 60 bis 80 Prozent) und hilft, das Thema Accessibility auf die Agenda zu setzen:

«Die Uni war der Meinung, sie mache da schon total viel. Aber eine interne Analyse hat ergeben, dass sie tatsächlich nicht behindertenrechtskonform ist.» Eine grosse Podiumsdiskussion zum Thema bringt viel ins Rollen. Drei Teilprojekte werden ins Leben gerufen: für bauliche Änderungen, digitale Lernplattformen und Sensibilisierung.

An allen ist Laura beteiligt und bekennt sich als erste Amtsinhaberin öffentlich zu ihrer Behinderung, wofür sie viel Anerkennung erntet. Nach ihrem Rücktritt bleibt sie weiterhin im Studienrat und in der Kommission «Studium und Behinderung» aktiv.

Patchwork als Lebensstil

Laura nennt ihr Leben ein ziemliches Patchwork. Wenn sie nicht gerade mit dem Studium beschäftigt oder ehrenamtlich tätig ist, wirkt sie in zwei Kirchengemeinden als Mitarbeiterin für Kinder- und Jugendarbeit. Sie finanziert sich mit diesen zwei Jobs das Studium: «Ich stelle das Ferienprogramm auf die Beine, helfe beim Konfirmand:innen-Unterricht und -Lager mit und organisiere das Weihnachtsspiel und Gottesdienste für Jugendliche, Teens-Church.»

Laura erinnert sich: «Meine Mutter ist immer schnell nervös geworden, bei den vielen Sachen, die ich gemacht habe.» Doch sie selber hat ein tiefes Urvertrauen. Sie fühlt, ahnt und weiss, dass am Ende alles irgendwie gut kommt. Schliesslich musste sie früh genug lernen, schwierige Herausforderungen zu bewältigen.

Laura holt das Beste aus jeder Situation heraus: eine Stärke, angesichts derer man ihr ein bisschen kreatives Chaos (ADHS lässt grüssen!) gerne verzeihen mag.

Laura diskutiert für Anliegen von Menschen mit Hörbehinderung
Laura engagiert sich mit Leidenschaft für die Rechte von Menschen mit Behinderungen – Fotos: Patrick Lüthy für Pro Audito.

 

Steckbrief

Laura
ist seit Kind CI-Trägerin.

Lippenlesen
konnte sie schon als Kind so gut, dass sie beim Hörtest tricksen konnte.

An der Uni
studiert sie Kunstgeschichte und Theologie.

Zwei Jobs
helfen ihr, sich das Studium zu finanzieren.

Privat
lebt sie mit ihrem Freund in einem urigen Häuschen nahe dem Rheinfall.

Betroffene erzählen – weitere Geschichten

Menschen mit einer Schwerhörigkeit erzählen uns ihre Geschichte.

Patrick (51)

Erfolg ist möglich

Der Spracherwerb lehrte ihn Disziplin.

Laura (19)

Glaub an dich!

Gehörlos geboren, hörend aufgewachsen.

Inga (40)

Bleib du selbst!

Selbstbestimmt trotz Behinderung.

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