Herr Dittli, Sie tragen ein Hörgerät und thematisieren das auch öffentlich. Gereicht das einem Politiker nicht zum Nachteil?
Ich erlebe das anders. Die Leute haben Verständnis, wenn sie wissen, dass jemand nicht gut hört. Früher waren Hörgeräte eher negativ behaftet. Wer solche trug, riskierte, ausgegrenzt zu werden. Das hat sich zum Glück gebessert. Ein Gerät im Ohr zu haben, ist normal geworden. Schauen Sie sich nur im Zug um.
Wie schwerwiegend ist Ihre Hörbeeinträchtigung?
Ich bin zum Glück eher leicht hörgeschädigt – aber doch so, dass ich die Kriterien erfülle für einen Unterstützungsanspruch.
Wie haben Sie gemerkt, dass Sie nicht mehr gut hören?
Ich habe es nicht selbst gemerkt. Meine Familie beklagte sich, ich würde den Fernseher zu laut einstellen. Daraufhin ging ich zum Ohrenarzt. Er stellte fest, dass ich im Bereich der hohen Töne geschädigt bin. Das ist vermutlich genetisch bedingt.
«Im Ständeratssaal ist die Unterstützung durch die Hörgeräte gut.» – Josef Dittli


Und seither tragen Sie ein Hörgerät?
Ja. Nicht weil ich immer zwingend eines gebraucht hätte, sondern weil das ständige Tragen des Hörgeräts hilft, den Gehörverlust zu verlangsamen. Wenn man es nur dann trägt, wenn es nicht anders geht, bilden sich entscheidende Nervenbahnen zurück. Im Lauf der Zeit habe ich verschiedene Geräte getestet und mich mit dem Thema vertraut gemacht. Dabei habe ich auch Menschen kennengelernt, die nicht in der Lage sind, sich selbst ein Hörgerät zu finanzieren.
War das der Beginn Ihres Engagements für die Anliegen schwerhöriger Menschen?
Ja, wobei mir ein Ohrenarzt den konkreten Handlungsbedarf aufzeigte. Er sagte: «Wissen Sie eigentlich, dass AHV und IV nur das Hörgerät an einem Ohr mitfinanzieren? Obwohl die meisten Betroffenen aber beiden Ohren geschädigt sind.» In Zusammenarbeit mit Pro Audito habe ich dann eine Motion an den Bundesrat eingereicht, damit die staatliche Unterstützung auf Hörgeräte für beide Ohren ausgedehnt wird. Der Bundesrat argumentierte dagegen, aber 2019 stimmten der Nationalrat und der Ständerat zu und gaben ihm einen verbindlichen Auftrag.
Im Bundeshaus ist der Lärmpegel permanent sehr hoch. Genügen Ihre Hörgeräte, um sich überall zu verständigen?
Im Ständeratssaal ist die Unterstützung durch die Hörgeräte gut. Wenn ich sie zu Hause vergesse oder eines davon im Service ist, fehlt aber etwas. Dann nehme ich alles dumpf wahr, teilweise verstehe ich die Redner sehr schlecht. Man kann ja nicht nachfragen und jemanden bitten, das Votum zu wiederholen. Abgesehen davon finde ich die neuste Generation von Hörgeräten phantastisch.
«Ich bin sicher, dass viele Ratskolleg:innen mit gesundem Gehör weniger gut hören als ich mit der neusten Technologie.»
Was beeindruckt Sie an den modernen Hörgeräten am meisten?
Man kann sie im Alltag auf verschiedene Situationen einstellen. Im Konzertsaal verwende ich einen Modus mit einer feinen Akustik, im Bundeshaus einen mit Rauschunterdrückung. Ich bin sicher, dass viele Ratskolleg:innen mit gesundem Gehör weniger gut hören als ich mit der neusten Technologie. Das sollte man auch berücksichtigen, wenn wir über die Preise der Hörgeräte sprechen.

Das Parlament experimentierte in der Sommersession mit Auracast – einer Technologie, die via Bluetooth Audiosignale an unbegrenzt viele Kopfhörer, Hörgeräte oder Lautsprecher überträgt. Was waren ihre Erfahrungen?
Sehr gut. Auracast ist nochmals eine andere Dimension. Der Anstoss zu diesem Versuch kam ja von Pro Audito. Ich fand den Vorschlag sehr interessant, zumal es im Vergleich zu anderen Technologien fast nichts kostet. Die Institutionen des Bundes sollten ja eine Vorbildrolle einnehmen. Auracast wurde zunächst in den beiden grossen Ratsälen installiert. Der Versuch wird jetzt offiziell ausgewertet.
Was ist das Besondere an Auracast?
Die Stimmen sind noch viel klarer als bei einer Verstärkung nur durch das Hörgerät. Interessant ist zudem, dass ich nicht nur höre, was im Ständerat gesagt wird. Ich kann auch auf den Stream im Nationalratssaal umschalten und mithören, was in der anderen Parlamentskammer läuft.
Und tun Sie das tatsächlich?
Ich habe die AHV-Debatte im Nationalrat auf einem Ohr mitgehört. Das hat aber niemand gemerkt (schmunzelt). Diese Debatte war übrigens auch für uns im Ständerat wichtig.
Wie ist es, wenn man mit einem Ohr im Ständerat ist und mit dem anderen im Nationalrat?
Kognitiv anspruchsvoll, würde ich sagen. Im Nationalrat gibt es zudem zwei verschiedene Streams: den Originalton und die Übersetzung durch die Dolmetscher.
Wissen Sie, wie viele Parlamentarier:innen ein Hörgerät tragen?
Wir haben eine Parlamentarische Gruppe «Gutes Hören», in der wir uns mit Betroffenenverbänden wie zum Beispiel Pro Audito austauschen, aber auch mit den Geräteherstellern. Wie viele Ratskollegen ein Hörgerät tragen, weiss ich nicht mit Sicherheit. Das sieht man ja heutzutage oft nicht mehr.
Wo sehen Sie weitere Anwendungsmöglichkeiten für Auracast-Übertragungen?
Man könnte Auracast in allen grossen Sitzungszimmern des Bundeshauses installieren. Das wäre übrigens sehr günstig – viel billiger als Induktionsschlaufen, für die es bauliche Eingriffe braucht.

Vor einem Jahr gab es im Ständerat eine Debatte zur Unterstützung der Hörgeräteträger, auf der Basis ihrer Vorstösse. Man hatte den Eindruck, dass alle das Problem erkennen, auch der Bundesrat. Trotzdem bewegt sich wenig. Nehmen Sie das auch so wahr?
Ja. Man spürt, dass die Bundesfinanzen unter Druck sind. Für eine zusätzliche Finanzierung braucht es eine starke Begründung. Immerhin hatten wir ein gutes Gespräch mit Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider. Sie ist offen und setzt sich mit unseren Anliegen auseinander. Aber letztlich braucht es Mehrheiten im Bundesrat und im Parlament.
Die IV leistet für 18–64-/65-jährige Menschen bereits ab einem Gesamthörverlust von 20 Prozent Hilfe, die AHV nur für Menschen im AHV-Alter und bei 35 Prozent Gesamthörverlust. Ist das gerecht?
Aus heutiger Sicht ist es nicht mehr vertretbar, dass Erwerbstätige mehr Unterstützung erhalten als Personen im AHV-Alter.
«Aus heutiger Sicht ist es nicht mehr vertretbar, dass Erwerbstätige mehr Unterstützung erhalten als Personen im AHV-Alter.»
Das heisst, Sie sind für eine Angleichung der Pauschalen in der AHV und in der IV?
Ja. Der Spielraum bei den Bundesfinanzen ist aber wie gesagt eng. Und Billiganbieter oder Warenhausketten sind auch keine Patentlösung.

Warum nicht?
Weil die Beratung auf der Strecke bleibt, und das ist nicht im Sinne der Betroffenen. Es ist wichtig, dass die Geräte richtig eingestellt sind und gewartet werden. Aber wir müssen auch die Preise in den Griff kriegen.
Was schlagen Sie vor?
Der Bund sollte alle relevanten Akteure an einen runden Tisch bringen: die Betroffenen, die Wettbewerbskommission, der Preisüberwacher, die Hersteller, die Akustiker und natürlich das Bundesamt für Sozialversicherungen und das Bundesamt für Gesundheit.
Die Anbieter haben aber kaum ein Interesse, am runden Tisch Lösungen für günstigere Hörgeräte zu suchen.
Gesprächsbereitschaft ist immer der Schlüssel, um weiterzukommen. Es ist wichtig, die Wahrnehmung der anderen Seite zu verstehen. Die Hersteller treiben die Innovation voran. Natürlich haben sie auch ein Interesse, ihre Produkte gut zu verkaufen. Aber es braucht einen funktionierenden Markt. Das ist die Aufgabe der Wettbewerbskommission.
«Gesprächsbereitschaft ist immer der Schlüssel, um weiterzukommen.»
Trotzdem sind die Preise für moderne Hörgeräte um ein Mehrfaches teurer als die Pauschalen der IV oder der AHV.
Moderne Hörgeräte sind High-Tech-Instrumente, und solche Innovationen sind teuer. Was fehlt, sind Mengenrabatte bei Blockbustergeräten, wie wir es aus der Pharmaindustrie kennen. Ein weiteres Problem ist die fehlende Preistransparenz. Die Akustiker weisen das Hörgerät und die Servicepauschale nicht separat aus. Das erschwert Vergleiche zwischen den Anbietern. Daran müssen wir arbeiten.
Text: Simon Gemperli | Bilder: IMAGOPRESS