Auracast-Praxistest im Freien

Ort: Helvetiaplatz, Zürich, Datum: 2. Mai 2026, Teilnehmer: ca. 2’000 Personen

Ausgangslage und Aufbau vor Ort

Ziel des Tests war es, die Praxistauglichkeit von Bluetooth Auracast ausserhalb von geschlossenen Räumen zu überprüfen. Während Hersteller oft Reichweiten von über 100 Metern unter idealen Bedingungen kommunizieren, sollte dieser Test zeigen, wie sich die Technologie unter realen Einsatzbedingungen verhält. Bisher fehlen hierzu fundierte Erfahrungswerte, da sich die physikalischen Gegebenheiten im Freien massiv von denen in Innenräumen unterscheiden.

Der Auracast-Sender, hier rot eingekreist, sendete aus Bühnennähe

Die Veranstaltung fand auf einer offenen Fläche von rund 30 Metern Länge und 20 Metern Breite auf dem Helvetiaplatz in Zürich statt, umgeben von Gebäuden in einiger Distanz. Zur Versorgung der Teilnehmenden kamen drei parallele Systeme zum Einsatz:

  1. Ein Auracast-Sender wurde auf circa 2 Meter Höhe neben dem linken Hauptlautsprecher positioniert und strahlte das Signal von vorne nach hinten ab.
  2. Klassisches FM-System mit Empfängern und induktiven Halsschleifen. Dieses wurde nicht wegen technischer Überlegenheit gewählt, sondern um bestehende Infrastruktur nutzen zu können.
  3. Internet-Streaming (Accessify) als Übertragungsmethode via Mobilfunk mit zusätzlichen Funktionen wie KI Transkription und Simultanübersetzung.

Mit rund 2’000 Teilnehmenden war der Platz gut gefüllt, was für den Test eine entscheidende Rolle spielte, da die Menschenmenge selbst als physikalischer Faktor wirkt.

Empfangsqualität: Theorie vs. Realität

Obwohl Auracast-Sender theoretisch 100 Meter und mehr abdecken können, zeigte sich im praktischen Betrieb ein deutlich eingeschränktes Bild. Die Probleme traten bereits in früheren Freifeld-Tests auf und bestätigten sich hier eindrücklich:

  • Fehlende Reflexionen: In Innenräumen sorgen Wände und Decken für Reflexionen, die das Signal auch in verwinkelte Bereiche oder hinter Hindernisse tragen. Im Freien fehlen diese Reflexionsflächen weitgehend; das Signal ist fast ausschliesslich auf eine direkte Sichtlinie zwischen Sender und Empfänger angewiesen. Bereits der eigene Kopf kann das Funksignal zum vom Sender abgewandten Ohr unterbrechen. Ebenso reicht eine Person, die vor einem steht, aus, um den Empfang zu stören, wenn der Empfänger am Gürtel oder an der Brust getragen wird. Auf dem leeren Platz spielte es keine Rolle, ob der Empfänger am Gürtel, vor der Brust oder an den Ohren (Hörgeräte und Kopfhörer) getragen wurde. Als während der Veranstaltung zahlreiche Personen vor einem standen, spielte die Position hingegen eine grosse Rolle. Denn ohne direkte Sichtverbindung war der Empfang praktisch immer nicht akzeptabel
  • Störungen durch andere Geräte: Ein weiterer, oft unterschätzter und insbesondere schwierig abzuschätzender Faktor scheint die hohe Dichte an elektronischen Geräten zu sein. Bei einer solchen Menschenmenge befinden sich Hunderte oder Tausende von Smartphones, Smartwatches und anderen Bluetooth-Geräten, die im gleichen Frequenzbereich arbeiten. Diese erzeugen ein Grundrauschen und können offensichtlich zu Paketverlusten oder Verbindungsabbrüchen führen, was die ohnehin schon knappe Signalreserve im Freien weiter reduziert.

Erkenntnis: Ein einfacher Funktionstest auf einer leeren Fläche reicht nicht aus, um die Zuverlässigkeit einer Anlage zu beurteilen. Erst die Anwesenheit der Menschenmasse mit elektronischen Geräten offenbarte die aktuellen Grenzen der Technologie. Dies bestätigen auch erste Erfahrungsberichte anderer Nutzer: Auracast scheint im Freien aktuell noch nicht als zuverlässige Lösung für «grosse» Distanzen geeignet zu sein. Wir konnten mit unseren Hörgeräten und Empfängern mit Besuchern maximal eine Distanz von rund 5 Metern vor dem Sender als für weitgehend alle Empfänger als zuverlässig feststellen.

Bild: Beat Graf testen den Empfang auf etwa 8 Meter Distanz, wenn der eigene Körper die Sichtlinie zwischen Empfänger und Sender unterbricht. Damit kann einfach abgeschätzt werden, wie sich Personen vor einem auswirken, wenn der Empfänger auf Brusthöhe getragen wird. Ergebnis: Kein Empfang
Anmerkung: In Innenräumen sollte dies Funktionieren, ansonsten muss die Installation überprüft werden.

FM und Streaming im Vergleich

Während Auracast an die physikalischen Grenzen stiess, bewährten sich die alternativen Systeme in unterschiedlichen Disziplinen, wiesen jedoch eigene systembedingte Schwachstellen auf:

  • FM-System: Das klassische FM-System lieferte eine stabile Übertragung mit sehr geringer Verzögerung. Allerdings traten bei Nutzern der induktiven Halsschleife (Telefonspule) Störgeräusche auf, verursacht durch die magnetischen Felder der nahegelegenen Tram-Fahrleitungen. Der Einsatz erfolgte hier primär, um Besitzern von Telefonspulen-Hörgeräten den Zugang zu ermöglichen, ohne neue Hardware anschaffen zu müssen.
  • Accessify (Streaming): Die Übertragung via Internet (5G) erwies sich als überraschend robust. Über den gesamten Platz war ein unterbrechungsfreier Empfang möglich. Zudem bot dieses System Zusatzfunktionen wie Live-Untertitelung und simultane Übersetzung.
    • Einschränkung bei der Endgeräte-Verbindung: Trotz des stabilen Internetsignals traten auf der „letzten Meile“ Probleme auf. Bei der Übertragung vom Smartphone zum Hörgerät via Bluetooth kam es teilweise zu Unterbrüchen, insbesondere wenn das Smartphone in der hinteren Hosentasche verstaut war und der Körper die Sichtlinie zu den Hörgeräten blockierte. Erstaunlicherweise trat dieses Problem mit In-Ear-Kopfhörern nicht auf.
    • Der entscheidende systemimmanente Nachteil bleibt jedoch die hohe Latenz (Verzögerung), die das Lippenlesen erschwert und zu Echos führen kann, wenn gleichzeitig der Luftschall aus den Lautsprechern gehört wird (offene oder einseitige HG-Versorgung oder wenn die Mikrofone der HG/CI mitlaufen).

Latenz im Vergleich

Eine zu hohe Verzögerung führt zu Differenzen zwischen Lippenbild und Audiosignal oder Echos, wenn gleichzeitig die Lautsprecher gehört werden. Aktuelle und in Entwicklung befindende Normen nennen oft 40 Millisekunden Differenz als tolerierbares Maximum. Wir haben die Latenzen bzw. Verzögerungen der verschiedenen Systeme gemessen:

SystemGemessene LatenzDifferenz zum Luftschall*
FM-System8 ms17 – 92 ms
Bluetooth Auracast43 ms (Empfänger)
54 ms (Hörgerät)
18 – 57 ms
29 – 46 ms
Accessify (Streaming)ca. 360 ms260 – 335 ms
Luftschall (Referenz)25 – 100 ms

*Die Differenz ergibt sich aus der Laufzeit des Luftschalls der Lautsprecher durch die Luft, die je nach Position des Zuhörers (vorne/hinten) zwischen 25 und 100 ms beträgt.

Hinweis zur Synchronität: Die Einhaltung einer maximalen Differenz von 40 ms zwischen Luftschall und Höranlage gilt als Empfehlung für eine störungsfreie Wahrnehmung. Bei dieser Veranstaltung kam Auracast diesem Wert am nächsten, während FM je nach Position teils darüber lag und Streaming weit aus dem Rahmen fiel. Die perfekte Synchronität über den gesamten Platz hinweg war jedoch mit keinem System durchgängig gewährleistet. Ein möglicher Lösungsansatz ist, mehrere Audiokanäle mit unterschiedlicher Verzögerung anzubieten, z.B. Platz vorn und Platz hinten.

Bild: Judith Hottinger spricht – Mitarbeiterin Pro Audito Schweiz und Vorstandsmitglied Pro Audito Zürich

Fazit und Empfehlung

Der Test am Helvetiaplatz zeigt, dass kein einzelnes System derzeit alle Anforderungen für Veranstaltungen im Freien einwandfrei erfüllt.

  • Auracast: Die Technologie hält die herstellerseitig oft versprochenen Reichweiten von 100 Metern unter realen Bedingungen (Menschenmenge, fehlende Reflexionen, andere 2,4-GHz-Geräte) nicht ein. Sie sollte aktuell mit Vorsicht und als ergänzende Option betrachtet werden, bis mehr Erfahrungswerte oder Optimierungen vorliegen.
  • Accessify: Bietet die höchste Betriebssicherheit bezüglich flächendeckender Versorgung und überzeugt durch innovative Zusatzdienste (Untertitel, Übersetzung). Aufgrund der hohen Latenz ist das System jedoch für Personen, die auf die Synchronität mit dem Lippenbild angewiesen sind, nur bedingt geeignet.
  • FM: Kann eine hohe Betriebssicherheit ermöglichen und mit Empfängern und induktiven Halsschleifen den Zugang für Personen mit Telefonspulen-Hörgeräten ermöglichen. Generell kann es sinnvoll sein, bestehende FM-Systeme weiterzuverwenden, um damit auf den Kauf von Auracast-Empfängern mit induktiven Halsschleifen verzichten zu können. Der Empfang mit der Telefonspule kann jedoch durch Trafostationen, Starkstromleitungen und Zug/Tram gestört werden.

Empfehlung für die Praxis: Veranstalter sollten im Freien vorgängig die technischen Möglichkeiten prüfen und eine Fachperson beiziehen. Bei grossen Veranstaltungen kann Accessify eine flächendeckende Versorgung ermöglichen, welche mit Auracast nach aktuellem Stand nicht realisierbar ist.

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