Am 2. Mai hat auf dem Helvetiaplatz in Zürich die «Nationale Kundgebung zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen» mit fast 2’000 Teilnehmer:innen stattgefunden. Wir konnten die Barrierefreiheits-App «accessify» vor Ort im Einsatz testen und wurden positiv überrascht.
Acessify ist eine webbasierte App, die Menschen mit Schwerhörigkeit die Teilnahme an Live-Veranstaltungen vereinfachen soll. Das Audiosignal der Sprecher wird über das Internet direkt auf die Smartphones und somit auch auf die Hörgeräte der Besucher gestreamt. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz werden Live-Untertitel zum Mitlesen erstellt, sogar in verschiedenen Sprachen. Die Technologie wurde bereits beim Eurovision Song Contest 2025, am Arosa Humor Festival und bei vielen weiteren grossen Events eingesetzt.
Entwicklung in der Schweiz
Accessify enstand im Umfeld des Cybathlon der ETH Zürich und gewann Gold an den Best of Swiss Web Awards 2025 in den Kategorien Innovation und Public Value. Im Herbst 2025 wurde der Verein Accessify.live gegründet, um Menschen mit Behinderung in die Entwicklung einzubeziehen. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB) und die Max Bircher Stiftung unterstützen die App ebenfalls.
Einfache Einrichtung und gute Tonqualität
Wir haben accessify zusammen mit Lukas Tschudin, Botschafter für Menschen mit Schwerhörigkeit und CI-Träger, in Zürich getestet und wurden positiv überrascht. Das Einwählen in die App ist verhältnismässig einfach, man scannt den QR-Code und kommt direkt zur Web-App. Man muss nichts installieren oder freischalten, alles funktioniert auf Anhieb. Die Bedienung ist nutzerfreundlich und die Texte sind gut lesbar.
Der Ton von der Bühne wird in hoher Qualität vom Smartphone direkt auf das CI, Hörgerät oder auch auf Kopfhörer übertragen. Es gab einige wenige Aussetzer, wobei wir nicht wissen, ob dies ein Internet-Verbindungsproblem oder ein Problem der App war. Das Audiostreaming hilft schwerhörigen Personen jedoch enorm, die Redner:innen auf der Bühne besser zu verstehen. Die dazugehörigen Live-Untertitel waren grösstenteils korrekt und erschienen mit geringer Verzögerung auf dem Smartphone-Bildschirm. Als Zückerchen auf der Torte kann man die gesprochene Sprache wie die Untertitelsprache ändern und erhält sofort eine Übersetzung in Echtzeit. Grandios!
Die Latenz ist der limitierende Faktor
Negativ aufgefallen ist uns einzig die Latenz (Verzögerung). Gleichzeitiges Zuhören über die Lautsprecher und über das Hörsystem ist anstrengend, da die Latenz ca. 360 ms (Millisekunden) beträgt. Zum Vergleich: Unsere Auracast-Anlage vor Ort hatte 54 ms Latenz, die FM-Anlage mit Induktiven Halsschlaufen nur 8 ms Latenz, wurde dafür aber massiv von den Tram-Stromleitungen gestört. Das passiert mit accessify nicht, die Tonqualität war auf dem gesamten Platz gleichmässig gut.
Ohne Internet und Smartphone geht nichts
Um accessify zu nutzen, brauchen Sie mindestens ein Smartphone und eine gute Internetverbindung. Ausserdem müssen die Hörgeräte oder das CI mit dem Smartphone koppelbar sein. Dies ist für viele ältere Personen eine Hürde. Wir haben mehreren Personen vor Ort erklärt, wie man einen QR-Code scannt und manche haben schlussendlich eine Lösung mit FM Höranlage mit Induktionsschlaufe bevorzugt, da sie dies bereits kennen.
Fazit: Accessify, made in Switzerland, ist ein grossartiges Produkt, das Inklusion gross schreibt und stetig weiterentwickelt wird. Wer mit einem Smartphone umgehen kann, sollte auch mit acessify gut zurechtkommen. Eine Höranlage kann es aufgrund der hohen Latenz heute jedoch noch nicht ersetzen.