Der Kampf ums Ausgegrenzt-werden hat seine Grenzen. Man muss nicht alles mitkriegen.
Vor einem Jahr war ich auf einem Flug zurück in die Schweiz. Für uns handyfixierte Erdenbürger:innen ist ja eine Zeitspanne von zwei Stunden ohne Blick aufs Handy fast nicht mehr auszuhalten. Kaum haben die Räder des Flugzeugs die Piste berührt, greifen schon die ersten zum Handy und gehen hektisch wieder auf Empfang. Besonders der junge Herr auf der anderen Seite des Ganges schien es überaus eilig zu haben. Im wuseligen Sekundentakt checkte er Channels und News – bis, ja bis er offenbar die wichtigste Message gefunden hatte. Ich konnte natürlich nicht an mich halten. Ich musste wissen, was denn nun so wahnsinnig dringend gewesen war. Ich lehnte mich weit nach hinten, bis ich klare Sicht auf sein Handy hatte. Der junge Mann schaute ein Video an, in dem eine Hausfrau kunstvoll eine Orange schälte… Dass war sie also, die News, die nicht bis zum Andocken des Flugzeugs warten konnte. OMG!
Nicht alles muss gepostet werden
Wir haben uns in Zeiten von auf uns einprasselnden Messages, Bildern, Filmchen, und Gruss-Emojis so daran gewöhnt, permanent erreichbar zu sein, alles sofort wissen, erfahren, mitkriegen zu müssen, dass wir fast nicht mehr zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden können. Wichtig ist immer, was uns gerade unter die Augen kommt. Wir müssen alles sehen und natürlich selbst auch alles mitgeteilt, fotografiert und gepostet haben. Was nicht gepostet wurde, hat nicht stattgefunden – das ist die neue Realität in Social-Media-Zeiten.
Für uns Menschen mit Schwerhörigkeit ist die Versuchung gross, hier auch mitzuhalten. Schliesslich sind wir auf diesen Kanälen nicht „behindert“. Hier spielt die Schwerhörigkeit keine Rolle. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, zu spüren, dass man nicht immer mitmachen muss. Nein, nicht jedes apart angerichtete Rindsfilet muss seine Viewer finden, nicht jedes Strahlen unserer Kinder gepostet, nicht jeder Drink im Sonnenuntergang weiterverbreitet werden.
Gespür für Auszeiten
Wir Schwerhörigen wissen, wie es ist, um Präsenz in den Köpfen der anderen zu kämpfen. Und gerade deshalb sollten wir auch ein Gespür für Auszeiten entwickeln. Wir müssen nicht jedes Gespräch in jeder Runde mitbekommen. Oftmals sind sie überflüssig und unwichtig. Und wenn alle lachen und wir nicht, weil wir den Spruch nicht richtig gehört haben – sei‘s drum!
Nicht an den Rand gedrängt zu werden, ist das eine. Aber ich finde, ein bisschen selbstbewusstes Aussen-vor-bleiben ist auch für uns Schwerhörige manchmal gar nicht schlecht.
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| Wer ist Hans Schneeberger? Hans Schneeberger war 14 Jahre Chefredaktor des Migros-Magazins, ist heute frühpensioniert, Weinautor und lebt in Aarau. Er trägt seit über 20 Jahren Hörgeräte und schreibt als Kolumnist für das Pro Audito Magazin Dezibel. |