
Manchmal frage ich mich, ob ich indirekt daran schuld bin, dass auch der letzte menschliche Kassierer bald durch ein Computerterminal ersetzt wird.
Neulich stand ich bei uns im Supermarkt an einer Selbstbedienungskasse. Ich nutze diese Kassen gerne, denn sie sind für mich barrierefrei. Ich kann hier einkaufen, ohne dass ich hören muss. Ich muss nicht verstehen, ob die Kassiererin fragt, ob ich eine Treuepunktekarte habe oder eine Plastiktüte möchte. Ich muss mich nicht konzentrieren, um zur richtigen Zeit zu lächeln und “ja” oder “nein” zu sagen. Ich muss nicht auf das Display schielen, um zu wissen, wie viel ich bezahlen muss, wenn ich mal wieder den Betrag nicht verstanden habe.
Nur ein Nebeneffekt
Ähnliche Entwicklungen gibt es vielerorts. Zum Beispiel bei den großen Burger-Fastfood-Ketten: Ich gebe meine Bestellung am Bestellterminal auf, bezahle per Karte und muss dann nur noch darauf warten, bis über der Ausgabetheke die richtige Nummer angezeigt wird. Oder Im Restaurant: Ich bin froh, für eine Tischreservierung nicht mehr in einem Restaurant anrufen zu müssen. Genauso wenn ich verreise: Ich klicke mir meine Bahntickets im Internet, ohne dass ich dafür hören muss.
Schon klar. Keine dieser Entwicklungen wurde mit dem Ziel geschaffen, meine Welt barrierefreier zu machen. Stattdessen sind Selbstbedienungskassen & Co. eine Folge der Digitalisierung und der Rationalisierung. Die Barrierefreiheit für Menschen mit Schwerhörigkeit ist ein unbeabsichtigter Nebeneffekt.
Trotzdem gut
Man kann das jetzt natürlich kritisch sehen. Das eigentliche Ziel war schliesslich, menschliche Arbeitskraft zu ersetzen und dadurch Kosten zu sparen. Auch sind Touchscreens nicht für jede:n zugänglich, ich denke da zum Beispiel an blinde Menschen. Und nicht jede:r ist technisch versiert genug, um Tickets im Internet zu kaufen. Manchmal frage ich mich deshalb, ob ich ein schlechtes Gewissen haben sollte, weil ich diese Angebote gerne nutze.
Aber nein! Als Mensch mit einer Behinderung bin ich oft frustriert, weil wir für jedes Stück Barrierefreiheit lange kämpfen müssen. Und ich finde, da darf ich es auch mal mitnehmen, wenn Alltagsaufgaben aus Gründen, die ich nicht beeinflussen kann, völlig unbeabsichtigt barrierefreier werden. Will sagen: Ich habe kein schlechtes Gewissen. Es lebe die unbeabsichtigte Barrierefreiheit!
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Wer ist Helga Velroyen?Das bin ich, Helga. Ich bin Anfang 40, verheiratet und wohne in München. Ich bin schwerhörig und seit 2008 Hörgeräteträgerin. Als ich meine ersten Hörgeräte bekam, habe ich viele Dinge übers Hören und die Geräte nicht gewusst, die ich im Nachhinein gerne gewusst hätte. Damit es anderen nicht so geht wie mir damals, habe ich einen Blog (www.doofe-ohren.de) ins Leben gerufen und schreibe als Kolumnistin für das Magazin Dezibel von Pro Audito. In meinem „richtigen“ Leben bin ich Software-Entwicklerin bei Google. |