Kolumne: Helga Velroyen schreibt über «Die Ziellinie»

Ich bin ein Mensch, der sich über technologischen Fortschritt freut. Ich bin neugierig, wie sich die Welt weiterentwickelt, probiere Neues frühzeitig aus und bilde mich gerne weiter. Unter anderem finde ich so auch neue Hilfsmittel und Apps, die mir mein Leben als Mensch mit Schwerhörigkeit leichter machen. Aber es gibt auch einen Aspekt von Technologiefortschritt, der mich nervt…

Ein Beispiel: In den letzten Jahren hat sich ein neues Medienformat namens “Podcast” etabliert. Ich mag Podcasts. Am liebsten welche, die Wissen vermitteln – so kann ich auf leichte Weise etwas Neues lernen. Ich mag sie als Medienformat, weil ich sie – im Gegensatz zu einem Radioprogramm – abspielen kann, wann immer ich möchte. Ich kann zwischendurch auch mal Pause drücken oder ein Stück zurückgehen. Die meisten Apps oder Webseiten zum Abspielen von digitalen Inhalten bieten auch die Möglichkeit an, die Abspielgeschwindigkeit zu verändern. Das ist gut für Menschen mit Schwerhörigkeit – wenn wir etwas langsamer hören müssen, um es verstehen zu können.

Doch hier kommt die andere Seite dieser Entwicklung

Man kann die Geschwindigkeit auch schneller stellen. Und das machen viele Menschen… Ein Kollege hat mir neulich beispielsweise erzählt, dass er Podcasts immer in 1,5-facher Geschwindigkeit hört. Das würde er immer so machen, denn so könne er in der gleichen Zeit mehr Inhalte konsumieren. „Na super“, dachte ich, und fühlte mich abgehängt. Will sagen: Ich bin froh, dass Podcasthören etwas barrierefreier für mich ist, als Radiohören. Aber nun muss ich “schnell Podcasthören», um mit den Hörenden mithalten zu können. Es fühlt sich so an, als hätte diese Technologie zwar Barrieren verringert, aber gleichzeitig auch die Ziellinie für mich weiter nach hinten verschoben.

Ausserdem nervt mich ein anderer Aspekt

Erst seit ein paar Jahren gibt es bei vielen Podcasts Transkriptionen. Man kann das Gesprochene also gleichzeitig mitlesen. Manchmal ist sogar die Stelle, wo der Podcast gerade ist, hervorgehoben, damit man den Anschluss nicht verliert. Das ist natürlich grossartig für Menschen mit Schwerhörigkeit. Aber es hat auch Jahre gedauert, bis sich diese Transkriptionen durchgesetzt haben. Und das haben sie letztlich wohl nur, weil sie auch Menschen ohne Schwerhörigkeit nützen.

Mein Fazit

Neue Technologien sind meist für Menschen ohne Unterstützungsbedarf gemacht, die dann ungehindert sofort von ihr profitieren können. Für Menschen, die Zugang und Barrierefreiheit immer wieder mühsam einfordern müssen, und für die sich die Ziellinie manchmal urplötzlich noch weiter nach hinten verschiebt, kann das frustrierend sein. Dennoch: Lasst den Frust nicht die Oberhand gewinnen. Lasst uns technologischen Fortschritt für uns nutzen und nicht die Energie verlieren, weiter für Barrierefreiheit einzustehen!

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Wer ist Helga Velroyen?

Das bin ich, Helga. Ich bin Anfang 40, verheiratet und wohne in München. Ich bin schwerhörig und seit 2008 Hörgeräteträgerin. Als ich meine ersten Hörgeräte bekam, habe ich viele Dinge übers Hören und die Geräte nicht gewusst, die ich im Nachhinein gerne gewusst hätte. Damit es anderen nicht so geht wie mir damals, habe ich einen Blog (www.doofe-ohren.de) ins Leben gerufen und schreibe als Kolumnistin für das Magazin Dezibel von Pro Audito. In meinem „richtigen“ Leben bin ich Software-Entwicklerin bei Google.